Manchester/Liverpool ///



Manchester und Liverpool liegen im Nordwesten Englands, kaum 35 Meilen voneinander entfernt. Sie verkörperten im frühen 19. Jahrhundert den Beginn der Industrie; Manchester darf sich mit Recht als die erste Industriestadt der Welt bezeichnen. Obwohl zwischen beiden Kommunen die erste Passagiereisenbahn des Vereinigten Königreiches fuhr, waren die Gemeinden seit je urbane Rivalen. Manchester stach als Welthandelsplatz, Liverpool mit seinem Hafen als Logistikzentrale der regionalen Textifabriken hervor. Später trumpfte jede mit ihrer Fußballmannschaft, ihrer Musikszene, ihren kulturellen Institutionen auf.

Mit dem Zerfall der Textilbranche in der Grafschaft Lancashire erlitten Manchester und Liverpool nach 1950 einen ungeheuren Niedergang. Um 1930 hatte jede der zwei Kommunen rund 850.000 Einwohner; heute leben in beiden Städten nur etwa halb so viele Menschen. Extreme Deindustrialisierung und Suburbanisierung gingen hier wie da mit wachsender Armut der Arbeiterschaft und steigendem Verlust der Bevölkerung einher. Erst die heftigen Unruhen in Manchester Moss Side und in Liverpool Toxteth setzten 1981 den Tiefpunkt des Abstiegs.

Seither hat sich die Lage deutlich sichtbar gewandelt. Während der Ära Margaret Thatchers, als die britische Kommunalpolitik quasi privatisiert wurde, schlug Manchester den Weg der Koalition, Liverpool den Pfad der Opposition ein. Mit dem Resultat, dass Manchester die Krise weit besser als Liverpool meisterte, wenngleich die Zeichen der Schrumpfung - das heißt Leerstand, Armut, zerstörte Gegenden, tägliches Verbrechen - in beiden Städten noch zum Greifen naheliegen.




Manchester /// Dem Siechtum der Textilindustrie, das schon Mitte der 1920er begonnen hatte, folgte der Auszug anderer Branchen. Zwischen 1971 und 1981 verlor die Kommune fast 50.000 Vollzeitarbeitsplätze. Trotz Wachstums bei Unternehmen der Dienstleistung plagte noch 1995 eine Arbeitslosigkeit von 18,9 Prozent das Stadtleben von Manchester. Heute liegt die Rate bei 9,1 Prozent.

Während der letzten zehn Jahre versuchte die Stadt, mit einer Reihe kultureller Einrichtungen und Ereignisse, ihre devastierten Areale aufzuwerten. Dazu gehören das 2000 eröffnete Kulturzentrum "The Lowry", das nach Entwürfen Daniel Libeskinds geplante "Imperial War Museum North", die Bewerbung um die Olympischen Sommerspiele 2000 und die Durchführung der Commonwealth Games 2002. "Aber der ökonomische Erfolg des Stadtzentrums", heißt es auf der Website des Manchester City Council, "steht in scharfem Kontrast zu umgebenden Bezirken, deren Bewohner unter einer der höchsten Konzentrationen von Kriminalität sowie schlechter Gesundheit und armen Wohnungen leiden".

Von heftiger Umwandlung betroffen ist der Stadtteil Hulme: zweimal tabula rasa binnen 30 Jahren. In der Nähe des Zentrums gelegen, wurden die Slums der Epoche Königin Viktorias in den 1960ern beseitigt. Anstelle der Reihenhäuser entstanden Hochhäuser und ein Crescent à la Bath. Doch schon kurz nach dem Bezug der letzten neuen Wohnbauten 1972 setzte ihr Verfall ein. Im Leerstand rührte sich bald eine vitale Subkultur. Gleichwohl begann 1992, mit dem Programm "Hulme City Challenge", die zweite Abrisswelle.

In anderen Gebieten von Manchester agieren seit Ende der 1980er jüngere Architekten. Das Entdecken und Aufkaufen nicht mehr genutzter Gebäude ist das Metier dieser Pioniere unter den Developern. Vor allem die großen verlassenen Lagerhäuser werden - ganz nach dem Geschmack der neuen Mittelschichten - in Büros und Lofts verwandelt.

Während der späten 1970er und den 1980er war Manchester Schauplatz einer vom Punk, später von HipHop und House geprägten Musikkultur, deren Akteure leere Räume und Bauten für sich in Anspruch nahmen. Zu den einst von Industrie bestimmten Orten der Szene gehörten die Zentrale des Plattenfirma "Factory", der Klub "Hacienda" und die Bar "Dry". Auch wenn die Musikkultur als Wirtschaftsfaktor kaum ins Gewicht fiel, so spielte sie bei der Um- und Aufwertung Manchesters von einer Stadt der Industrie zu einer Stadt der Dienstleistung doch eine Schlüsselrolle.

Etwas später entstand, an einer der zahlreichen Kanalstraßen, auch das "Gay Village". Gemeinsam ist dieser Szene und der Musikszene eine für urbane Kulturen von Minderheiten typische Entwicklung. Sie werden entdeckt, erst von Studenten, dann von Touristen, dann von Investoren. Developer eignen sich die Aura und den Mythos der Orte an. Klares Zeichen: Die Hacienda wurde abgerissen; heute steht dort ein Bau mit loft style apartments; für den Kauf wird mit dem Namen des Klubs geworben. Dagegen ist die Musikkultur der 1980er, nicht zuletzt aufgrund der gestiegenen Preise für Immobilien, aus dem Zentrum von Manchester weitgehend verschwunden.






Warten auf Verwandlung: Stadtreste in Manchester

LiverpoolZu Zeiten des British Empire bot die Großstadt am Mersey mit dem Hafen einen einzigen, riesigen, sicheren Arbeitsort. Für die meiste Tätigkeit in den Docks brauchte man billige Hand- und Hilfsarbeiter, keine Fachkräfte. Diese Monostruktur wurde Liverpool - einer durch irische Einwanderer zugleich katholisch und sozialistisch geprägten Kommune - nach dem Zweiten Weltkrieg zum Verhängnis. Mit dem Ende der Kolonien und dem Beginn des Einsatzes von Containern verlor der Hafen an Bedeutung. Die Ansiedlung neuer Betriebe misslang. In ärmeren Stadtteilen wie Everton lag die Arbeitslosigkeit Mitte der 1990er bei 44 Prozent. Fast die Hälfte aller Haushalte ist für den Unterhalt auf kommunale Sozialprogramme angewiesen.

Lange spielte in Liverpool wohlfahrtsstaatlich gelenkter Wohnungsbau eine große Rolle. Nachdem in den 1930ern aufgrund starker Einwohnerzunahme der Außenring von Wohnbauten entstanden war - dabei wurde das bebaute Areal der Kommune beinahe verdoppelt! -, setzte man in den 1950ern ganz auf den Abriss von Slums und den Aufbau von "New Towns" in der näheren Umgebung. Daraus resultierte auch eine Entdichtung der Innenstadt von Liverpool. Ende der 1970er kollabierte die Wirtschaft; in einzelnen Quartieren stieg die Arbeitslosigkeit auf knapp 90 Prozent; Mitte der 1980er war der Liverpool City Council bankrott.

Die Pleite führte zu einer radikalen Privatisierung des gesamten Wohnungsbaus. Rund um die Stadtmitte kam es im Umkreis von zwei Kilometern zum Kahlschlag. Im Laufe von 20 Jahren wurden statt der mehrstöckigen Reihenhäuser der 1950er ein- bis zweigeschossige Doppelhäuser errichtet. Die Schrumpfung war enorm: von früher 50 bis 60 auf nur sechs bis acht Wohneinheiten pro Hektar. Da Liverpool weiterhin Einwohner verlor, in den 1990ern allein acht Prozent, wurde in der Innenstadt ein um das andere Wohnhochhaus gesprengt. In nächster Nähe des Zentrums finden sich heute größere Gebiete mit suburbanen Strukturen. Wehrhaften Siedlungen mit "Neighbourhood Watch Areas" stehen leere Wohnhäuser der 1930er oder 1950er gegenüber, von ihren Bewohnern oft unter dem Druck der Developer verlassen. Informelles und illegales Recycling nehmen dort zu. In den Gebäuden wird geplündert; Eingangstüren und Fensterrahmen verschwinden; man nimmt sich, was immer man noch sinnvoll nutzen kann.

Wie andere ärmere Regionen wurde auch Liverpool durch die Europäische Union stark subventioniert, allein zwischen 1994 und 1999 mit 800 Millionen Pfund. Und wie die Rivalin Manchester versuchte die Kommune, neue kulturelle Einrichtungen als ökonomische Inkubatoren in das städtische Gewebe zu pflanzen. 1988 wurde in einem Lagerhaus eine Dépendance der Londoner "Tate Gallery" eröffnet. Seit 2000 gibt es die "Liverpool Biennial". 2008 darf man sich mit dem Titel "Europäische Kulturhauptstadt" schmücken. Der Liverpool City Council hofft auf Investitionen von zwei Milliarden Pfund und 14.000 neue Arbeitsplätze.






Leeres Liverpool: man nimmt sich, was man braucht

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